Das Kindergartenkonzept von MEMORY

(Auszug)

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1. Einleitung

So erfüllend die Arbeit im Kindergarten auch sein mag, so anstrengend ist sie zweifelsohne. In dem Maße wie sich die gesellschaftlichen Strukturen verändern, steigen die Anforderungen an das pädagogische Wirken in diesen Einrichtungen sogar noch weiter an. Dabei läuft die Erzieherin oder Kinderpflegerin Gefahr, zwischen Ansprüchen und Realität zerrieben zu werden. Einerseits bestehen hochgesteckte Ziele für die Erziehungsarbeit, zum Teil gesetzlich fixiert, andererseits angespannte Bedingungen in großen Gruppen mit oftmals schwierigen Kindern. Nur zu gerne möchte man deren individuellen Bedürfnissen gerecht werden, doch das ist angesichts der vielfältigen und weitreichenden Problemfelder gar nicht so einfach.
Immer öfter stößt die Erzieherin oder Kinderpflegerin an die Grenzen ihrer Belastbarkeit und stellt dann unter Umständen sogar ihre eigenen Fähigkeiten in Frage.
Spätestens dann bedarf es einer pragmatischen Hilfestellung, die es ermöglicht, die Ursachen der jeweiligen Problematik möglichst treffend zu analysieren und an einer effektiven Lösung zu arbeiten. Dazu sollen die eigenen Kräfte und vorhandenen Mittel im Rahmen der bestehenden pädagogischen Ausrichtung eingesetzt werden können und kein großer zusätzlicher Aufwand betrieben werden müssen.
Kindergärten im gesamten Bundesgebiet haben für den vorliegenden Ratgeber die Fragen und Problemfelder gesammelt, die derzeit im Kindergartenalltag gehäuft in Erscheinung treten. Gemeinsam mit Psychologen und Pädagogen haben sie diese Probleme genau analysiert und sich eingehend mit relevanten Lösungsansätzen auseinandergesetzt.
Dabei wurde Wert darauf gelegt, die Ausführungen durch konkrete Beispiele aus dem Tätigkeitsbereich Kindergarten anschaulich zu gestalten, damit die zugrundeliegenden Lernprozesse durchsichtig und nachvollziehbar werden.
So ist ein praxisorientierter, leichtverständlicher Leitfaden entstanden, der es ermöglicht, die Ursachen heutiger Problemfälle im Kindergarten differenzierter auszumachen und wirkungsvoll anzugehen. An den Anfang wurde ein Sinnesprogramm zur Stärkung der Wahrnehmungskanäle gestellt, denn nur eine uneingeschränkte, sensible Sinneswahrnehmung versetzt die Kinder in die Lage, sich mit ihrer Umwelt umfassend auseinander zusetzen und die Aufgaben des täglichen Lebens zu meistern.
Die darauffolgenden Ausführungen erläutern Zusammenhänge zwischen den verschiedenen Lernvorgängen. Die Erzieherin oder Kinderpflegerin wird dadurch in die Lage versetzt, typische Störungsbilder in grundsätzliche Lernvorgänge zu zerlegen und auf Defizite in den Grundfertigkeiten des Lernens zurückzuführen. Querverweise und Stichwortkatalog erleichtern Einstieg und Orientierung.
So manchem Problemfall wird das Kindergartenpersonal nun nicht mehr hilflos gegenüberstehen oder auf außenstehende Einrichtungen zurückgreifen müssen. Es kann vielmehr durch gezielte Beobachtung mögliche Ursachen erforschen und mittels der verschiedenen Teilprogramme eine Änderung oder Abhilfe anregen. Dabei lassen auch die Teilprogramme zu den einzelnen kognitiven Grundfertigkeiten wie z.B. „Vergleichen“,“ Kategorisieren“ oder „Raumorientierung“ deutlich erkennen, dass sie aus intensiver Arbeit „vor Ort“ erwachsen sind, d.h. von Kindergärten für Kindergärten geschaffen wurden. Sie sollen weder einer Einzeltherapie noch einer fachlichen Vorbereitung auf die Schule dienen, sondern im Gruppenverbund spielerisch kognitive Grundfertigkeiten automatisieren. Auf dieser Grundlage werden die Kinder die kommenden Anforderungen selbstbewusst und problemgerecht bewältigen und ihre Persönlichkeit entfalten können.
Wir möchten an dieser Stelle nochmals die großartige Mitarbeit der Kindergärten hervorheben und uns bei den Mitarbeitern dieser Einrichtungen vielmals bedanken.

2. Zielsetzung des Konzepts

Beruhend auf unserer langjährigen Erfahrung in der Förderung lernschwacher Schüler, stellen wir fest, dass die Anzahl der Schüler, die in der Schule, aber auch im sozialen Alltag Schwierigkeiten beim Lernen bekommen, enorm zunimmt. Nach unabhängigen Schätzungen liegt hier der Anteil bereits bei einer Größenordnung von ca. 30% der Kinder und Jugendlichen pro Jahrgang.
Der Grundstein für diese Schwierigkeiten liegt überwiegend in der Entwicklung unserer Gesellschaft: Viele Lernerfahrungen, die Kinder in früheren Zeiten in der Auseinandersetzung mit der Umwelt (Piaget) selbständig machen konnten, sind ihnen heute verwehrt. Diese Erfahrungen jedoch schaffen Strukturen, die für das selbständige Lernen sehr wichtig sind. Neben den Veränderungen im sozialen Alltag der Kinder hat sich unsere Umwelt in der Form verändert, dass wir sie uns nicht mehr in dem Maße selbst erschließen können, wie dies einmal möglich war. 
Dieser Zusammenhang sei an einem Beispiel erläutert: Wenn wir uns einen Plattenspieler ansehen, können wir zwar nicht physikalisch genau ergründen, warum letztendlich der Ton aus dem Lautsprecher kommt, wir können aber bestimmte Zusammenhänge erkennen; wenn sich beispielsweise Staub vor der Nadel gesammelt hat und der Ablauf nicht mehr funktioniert, können wir daraus schließen, dass die Nadel entscheidend für die Übertragung des Tones ist. Beim CD – Player ist eine derartige Erfahrung nicht mehr so ohne weiteres möglich. Kinder in unserer Zeit machen also nicht die Lernerfahrungen, die sie dazu befähigen, altersentsprechend Lernsituationen selbständig zu bewältigen.
An dieser Stelle setzt unser Programm an. Es ist nicht nur wichtig, den Kindern so früh wie möglich Lernerfahrungen nur zu eröffnen, sondern sie ihnen auch zu vermitteln. Durch die Vermittlung von Lernsituationen kann Kindern , Jugendlichen und auch uns Erwachsenen deutlich werden, dass in jeder Lernsituation grundsätzliche Erfahrungen enthalten sind, die sich anderswo wiederfinden lassen. Auf solche grundsätzlichen Lernerfahrungen kann in anderen Situationen zurückgegriffen und dadurch die Fähigkeit zu eigenständigem Lernen entwickelt werden. Unser Programm bietet ihnen nun die Möglichkeit:

3. Sinne erschließen uns die Welt

Der Mensch ist ein Teil der belebten und unbelebten Welt, die ihn umgibt. Mit ihr muss er in Wechselbeziehung treten, um existieren zu können. Dazu jedoch bedarf er uneingeschränkter Sinnesleistungen und entsprechender Abläufe zur Reizverarbeitung. Andernfalls kann sich der Mensch nicht mit seiner Mitwelt auseinandersetzen und seinen Platz in diesem Gefüge finden bzw. behaupten.

Wie funktionieren unsere Sinne? - Allgemeine Sinnesphysiologie

Die einzelnen Reizempfänger des Körpers, die Rezeptoren, sprechen ganz bevorzugt nur auf eine bestimmte Art von Reiz an. Dieser Reiz löst in dem Rezeptor, der zu der Nervenfaser gehört, Erregungen aus. Im Rezeptor werden also die natürlichen Reize in einen elektrischen Impuls umgewandelt. Diese Impulse wirken auf ein zugeordnetes Projektionsfeld des Großhirns.
Bei einer längeren Einwirkung eines Reizes lassen die Entladungsfrequenz der elektrischen Impulse und die Intensität der Empfindung allmählich nach, wir „gewöhnen“ uns an den Reiz (Adaption).

4. Bausteine des Lernens
Die Sinnesorgane liefern uns die wichtigen Informationen, die im Gehirn "verarbeitet" werden müssen. Egal ob wir motorische Fertigkeiten oder eine Sprache erlernen oder ein Gedicht auswendig lernen wollen, immer findet der Prozess der Informationsverarbeitung in unserem Gehirn statt. Hier müssen wir alle wichtigen Informationen so geordnet speichern, dass wir sie bei Bedarf schnell und vollständig wieder abrufen können.
Um sich den Prozeß des Lernens besser vorstellen zu können, ist es hilfreich, die Grundlagen für die Informationsverarbeitung in drei große Bereiche aufzugliedern:

Diese drei Bereiche haben im Rahmen des Lernprozesses sehr unterschiedliche Funktionen.
Das deklarative Gedächtnis ist der Bereich, in dem das ganze Wissen einer Person in sortierter Weise abgespeichert ist. Hier sind Fachwissen, Selbstwissen, Erfahrungen, Interessen und Begrifflichkeiten vorhanden, die von der Person im Laufe ihres Lebens erworben wurden. Die Begrifflichkeiten spielen für die MEMORY-Förderung eine herausragende Rolle. Viele Menschen mit Lernschwierigkeiten verfügen über keine klar definierten Begrifflichkeiten. Sie können z.B. nicht genau definieren, was ein Quadrat zu einem Quadrat macht oder sie haben keine klare Vorstellung von Raum- und Zeitbegriffen. Sind die Begrifflichkeiten nicht klar, fällt es natürlich schwer, sich mit Aufgaben auseinander zusetzen, bei denen diese Begriffe eine wichtige Rolle spielen.
Um das deklarative Gedächtnis in geordneter und effizienter Weise mit Wissensinhalten füllen zu können, benötigt man Fertigkeiten und Prozeduren, die im prozeduralen Gedächtnis gespeichert sind. 
Die Inhalte des prozeduralen Gedächtnisses legen fest, wie etwas gelernt werden kann, während im deklarativen Gedächtnis gespeichert wird, was gelernt werden kann.
Wichtige Strategien sind z.B. die Grundfertigkeiten (vgl. Abschnitt 4.2), die sowohl für Feuerstein als auch für die MEMORY-Förderung eine zentrale Rolle spielen. Ist man z.B. nicht in der Lage, von außen kommende Objekte oder Ereignisse mit schon bekannten und im deklarativen Gedächtnis gespeicherten Objekten und Ereignissen zu vergleichen, ist es nicht möglich, eine differenzierte kognitive Struktur aufzubauen. Dinge werden nicht als schon bekannt erkannt und als eigene Einheit abgespeichert (zu starke Differenzierung). Oder Unterschiede zwischen neuen und schon bekannten Objekten werden nicht wahrgenommen. Auf diese Weise werden Dinge in eine einzige Kategorie aufgenommen, die sich doch erheblich unterscheiden (Übergeneralisierung). Je komplexer und differenzierter die Anforderungen von außen werden, desto eher werden Personen mit einer defizitären kognitiven Struktur scheitern.
Auf den Grundfertigkeiten aufbauend, entwickeln sich komplexere Strategien. Zu nennen sind hier z.B. das komplexe Problemlösen oder auch die emotionale Regulation. Beim komplexen Problemlösen ist es z.B. wichtig, sich selbst realistische Ziele zu setzen, die eigenen Fähigkeiten in die richtige Relation zu den Anforderungen zu stellen und bei der Bearbeitung einer Aufgabe systematisch und planvoll vorzugehen. Dazu gehört auch die ständige Kontrolle, ob die bisher getanen Schritte in die richtige Richtung gegangen sind und ob die weiteren geplanten Schritte wirklich zielführend sind.
Emotionen spielen für Lernprozesse eine wichtige Rolle. Sie können effektiv bei der Bearbeitung schwieriger Aufgaben eingesetzt werden. Gerade bei Menschen mit Lernschwierigkeiten wirken sie sich aber häufig negativ auf den Lernprozess aus. Versagensängste oder das Gefühl der Ohnmacht führen zu Lernblockaden, die weitere Lernerfolge und effizientes Handeln nahezu unmöglich machen. Nur durch Selbstreflexion und bewusste Bearbeitung dieser Emotionen (emotionale Regulation) können Lernblockaden aufgehoben werden und Kapazitäten für den Lernprozess freigesetzt werden. In einer aktuellen Lernsituation werden Inhalte des deklarativen Gedächtnisses und des prozeduralen Gedächtnisses im Arbeitsgedächtnis miteinander verknüpft. Diese Verknüpfung geschieht in enger Anpassung an die von außen kommenden Anforderungen. Aus dem deklarativen Gedächtnis werden Inhalte (z.B. Fachwissen) abgerufen, die bei der Bewältigung der gestellten Aufgabe helfen können. Aus dem prozeduralen Gedächtnis werden Strategien ins Arbeitsgedächtnis geholt, die eine Aufgabenbearbeitung ermöglichen. Die Prozeduren und Strategien müssen immer wieder überprüft und an die Aufgabenstellung angepasst werden. Erweist sich eine anfänglich gut funktionierende Strategie im weiteren Verlauf der Aufgabenbearbeitung als dysfunktional, muss sie zugunsten einer besseren Strategie aufgegeben werden. Diesen Schritt zu leisten fällt besonders Menschen mit Lernschwierigkeiten sehr schwer. Sie kleben meist viel zu lange an einer Strategie und sind schon gar nicht in der Lage, auf der Grundlage der vorhandenen Strategien neue zu entwickeln (im Schaubild Pfeil „differenzieren, verbessern der Strategien/Prozeduren“).
Grundvoraussetzung für eine effiziente Aufgabenbearbeitung ist, dass mit der Aufgabe bestimmte Motive und Zielsetzungen verbunden werden können. Das Erkennen der Sinnhaftigkeit einer Aufgabe für die eigene Person bildet quasi den Schlüssel zu einem gut ablaufenden Lern- und Bearbeitungsprozess. Gerade bei neuen und komplexen Anforderungen ist ein flexibler Umgang mit den eigenen Ressourcen unabdingbar. Daneben muss aber auch die Fähigkeit zur Selbstreflexion gut ausgebildet sein. Nur durch ein immer wiederkehrendes Hinterfragen des eigenen Vorgehens oder der derzeitigen emotionalen Lage können Fehler beim Lernen und dysfunktionale Entwicklungen im Lernprozess selbständig aufgedeckt und behoben werden.
Schwerpunkte der MEMORY-Förderung liegen bei:

5. Komplexere Lernvorgänge

Komplexe Lernvorgänge sind gleichsam aus den Grundfertigkeiten als Bausteinen zusammengesetzt. Daher sind auch kompliziertere oder umfassendere Mechanismen bei der Verarbeitung vonnöten.