Das Kindergartenkonzept von MEMORY
(Auszug)
Den ganzen Text ( 53 Seiten ) der wissenschaftlichen Abhandlung können Sie hier einsehen.
1. Einleitung
So
erfüllend die Arbeit im Kindergarten auch sein mag, so anstrengend ist sie
zweifelsohne. In dem Maße wie sich die gesellschaftlichen Strukturen verändern,
steigen die Anforderungen an das pädagogische Wirken in diesen Einrichtungen
sogar noch weiter an.
Dabei läuft die Erzieherin oder Kinderpflegerin Gefahr, zwischen Ansprüchen und
Realität zerrieben zu werden. Einerseits bestehen hochgesteckte Ziele für die
Erziehungsarbeit, zum Teil gesetzlich fixiert, andererseits angespannte
Bedingungen in großen Gruppen mit oftmals schwierigen Kindern. Nur zu gerne möchte
man deren individuellen Bedürfnissen gerecht werden, doch das ist angesichts
der vielfältigen und weitreichenden Problemfelder gar nicht so einfach.
Immer
öfter stößt die Erzieherin oder Kinderpflegerin an die Grenzen ihrer
Belastbarkeit und stellt dann unter Umständen sogar ihre eigenen Fähigkeiten
in Frage.
Spätestens
dann bedarf es einer pragmatischen Hilfestellung, die es ermöglicht, die
Ursachen der jeweiligen Problematik möglichst treffend zu analysieren und an
einer effektiven Lösung zu arbeiten. Dazu sollen die eigenen Kräfte und
vorhandenen Mittel im Rahmen der bestehenden pädagogischen Ausrichtung
eingesetzt werden können und kein großer zusätzlicher Aufwand betrieben
werden müssen.
Kindergärten
im gesamten Bundesgebiet haben für den vorliegenden Ratgeber die Fragen und
Problemfelder gesammelt, die derzeit im Kindergartenalltag gehäuft in
Erscheinung treten. Gemeinsam mit Psychologen und Pädagogen haben sie diese
Probleme genau analysiert und sich eingehend mit relevanten Lösungsansätzen
auseinandergesetzt.
Dabei
wurde Wert darauf gelegt, die Ausführungen durch konkrete Beispiele aus dem Tätigkeitsbereich
Kindergarten anschaulich zu gestalten, damit die zugrundeliegenden Lernprozesse
durchsichtig und nachvollziehbar werden.
So
ist ein praxisorientierter, leichtverständlicher Leitfaden entstanden, der es
ermöglicht, die Ursachen heutiger Problemfälle im Kindergarten differenzierter
auszumachen und wirkungsvoll anzugehen. An
den Anfang wurde ein Sinnesprogramm zur Stärkung der Wahrnehmungskanäle
gestellt, denn nur eine uneingeschränkte, sensible Sinneswahrnehmung versetzt
die Kinder in die Lage, sich mit ihrer Umwelt umfassend auseinander zusetzen und
die Aufgaben des täglichen Lebens zu meistern.
Die
darauffolgenden Ausführungen erläutern Zusammenhänge zwischen den
verschiedenen Lernvorgängen. Die Erzieherin oder Kinderpflegerin wird dadurch
in die Lage versetzt, typische Störungsbilder in grundsätzliche Lernvorgänge
zu zerlegen und auf Defizite in den Grundfertigkeiten des Lernens zurückzuführen.
Querverweise und Stichwortkatalog erleichtern Einstieg und Orientierung.
So
manchem Problemfall wird das Kindergartenpersonal nun nicht mehr hilflos
gegenüberstehen
oder auf außenstehende Einrichtungen zurückgreifen müssen. Es kann vielmehr
durch gezielte Beobachtung mögliche Ursachen erforschen und mittels der
verschiedenen Teilprogramme eine Änderung oder Abhilfe anregen. Dabei lassen
auch die Teilprogramme zu den einzelnen kognitiven Grundfertigkeiten wie z.B.
„Vergleichen“,“ Kategorisieren“ oder „Raumorientierung“ deutlich
erkennen, dass sie aus intensiver Arbeit „vor Ort“ erwachsen sind, d.h. von
Kindergärten für Kindergärten geschaffen wurden. Sie sollen weder einer
Einzeltherapie noch einer fachlichen Vorbereitung auf die Schule dienen, sondern
im Gruppenverbund spielerisch kognitive Grundfertigkeiten automatisieren. Auf
dieser Grundlage werden die Kinder die kommenden Anforderungen selbstbewusst und
problemgerecht bewältigen und ihre Persönlichkeit entfalten können.
Wir möchten an dieser Stelle nochmals die großartige
Mitarbeit der Kindergärten hervorheben und uns bei den Mitarbeitern dieser
Einrichtungen vielmals bedanken.
2. Zielsetzung des Konzepts
Beruhend auf unserer langjährigen Erfahrung in der Förderung lernschwacher
Schüler, stellen wir fest, dass die Anzahl der Schüler, die in der Schule,
aber auch im sozialen Alltag Schwierigkeiten beim Lernen bekommen, enorm
zunimmt. Nach unabhängigen Schätzungen liegt hier der Anteil bereits bei einer
Größenordnung von ca. 30% der Kinder und Jugendlichen pro Jahrgang.
Der
Grundstein für diese Schwierigkeiten liegt überwiegend in der Entwicklung
unserer Gesellschaft: Viele Lernerfahrungen, die Kinder in früheren Zeiten in
der Auseinandersetzung mit der Umwelt (Piaget) selbständig machen konnten, sind
ihnen heute verwehrt. Diese Erfahrungen jedoch schaffen Strukturen, die für das
selbständige Lernen sehr wichtig sind. Neben den Veränderungen im sozialen
Alltag der Kinder hat sich unsere Umwelt in der Form verändert, dass wir sie
uns nicht mehr in dem Maße selbst erschließen können, wie dies einmal möglich
war.
Dieser Zusammenhang sei an einem Beispiel erläutert: Wenn
wir uns einen Plattenspieler ansehen, können wir zwar nicht physikalisch genau
ergründen, warum letztendlich der Ton aus dem Lautsprecher kommt, wir können
aber bestimmte Zusammenhänge erkennen; wenn sich beispielsweise Staub vor der
Nadel gesammelt hat und der Ablauf nicht mehr funktioniert, können wir daraus
schließen, dass die Nadel entscheidend für die Übertragung des Tones ist.
Beim CD – Player ist eine derartige Erfahrung nicht mehr so ohne weiteres möglich.
Kinder
in unserer Zeit machen also nicht die Lernerfahrungen, die sie dazu befähigen,
altersentsprechend Lernsituationen selbständig zu bewältigen.
An
dieser Stelle setzt unser Programm an. Es ist nicht nur wichtig, den Kindern so
früh wie möglich Lernerfahrungen nur zu eröffnen, sondern sie ihnen auch zu
vermitteln. Durch die Vermittlung von Lernsituationen kann Kindern ,
Jugendlichen und auch uns Erwachsenen deutlich werden, dass in jeder
Lernsituation grundsätzliche Erfahrungen enthalten sind, die sich anderswo
wiederfinden lassen. Auf solche grundsätzlichen Lernerfahrungen kann in anderen
Situationen zurückgegriffen und dadurch die Fähigkeit zu eigenständigem
Lernen entwickelt werden. Unser Programm bietet ihnen nun die Möglichkeit:
3. Sinne erschließen uns die Welt
Der Mensch ist ein Teil der belebten und unbelebten
Welt, die ihn umgibt. Mit ihr muss er in Wechselbeziehung treten, um existieren
zu können. Dazu jedoch bedarf er uneingeschränkter Sinnesleistungen und
entsprechender Abläufe zur Reizverarbeitung. Andernfalls kann sich der Mensch
nicht mit seiner Mitwelt auseinandersetzen und seinen Platz in diesem Gefüge
finden bzw. behaupten.
Wie
funktionieren unsere Sinne? - Allgemeine Sinnesphysiologie
Die
einzelnen Reizempfänger des Körpers, die Rezeptoren, sprechen ganz bevorzugt
nur auf eine bestimmte Art von Reiz an. Dieser Reiz löst in dem Rezeptor, der
zu der Nervenfaser gehört, Erregungen aus. Im Rezeptor werden also die natürlichen
Reize in einen elektrischen Impuls umgewandelt. Diese Impulse wirken auf ein
zugeordnetes Projektionsfeld des Großhirns.
Bei
einer längeren Einwirkung eines Reizes lassen die Entladungsfrequenz der
elektrischen Impulse und die Intensität der Empfindung allmählich nach, wir
„gewöhnen“ uns an den Reiz (Adaption).
4. Bausteine des Lernens
Die
Sinnesorgane liefern uns die wichtigen Informationen, die im Gehirn
"verarbeitet" werden müssen. Egal ob wir motorische Fertigkeiten oder
eine Sprache erlernen oder ein Gedicht auswendig lernen wollen, immer findet der
Prozess der Informationsverarbeitung in unserem Gehirn statt. Hier müssen wir
alle wichtigen Informationen so geordnet speichern, dass wir sie bei Bedarf
schnell und vollständig wieder abrufen können.
Um sich den Prozeß des Lernens besser
vorstellen zu können, ist es hilfreich, die Grundlagen für die
Informationsverarbeitung in drei große Bereiche aufzugliedern:
Diese
drei Bereiche haben im Rahmen des Lernprozesses sehr unterschiedliche
Funktionen.
Das deklarative Gedächtnis ist der
Bereich, in dem das ganze Wissen einer Person in sortierter Weise abgespeichert
ist. Hier sind Fachwissen, Selbstwissen, Erfahrungen, Interessen und
Begrifflichkeiten vorhanden, die von der Person im Laufe ihres Lebens erworben
wurden. Die Begrifflichkeiten spielen für die MEMORY-Förderung eine
herausragende Rolle. Viele Menschen mit Lernschwierigkeiten verfügen über
keine klar definierten Begrifflichkeiten. Sie
können z.B. nicht genau definieren, was ein Quadrat zu einem Quadrat macht oder
sie haben keine klare Vorstellung von Raum- und Zeitbegriffen. Sind die
Begrifflichkeiten nicht klar, fällt es natürlich schwer, sich mit Aufgaben auseinander zusetzen, bei denen diese Begriffe eine wichtige Rolle
spielen.
Um
das deklarative Gedächtnis in geordneter und effizienter Weise mit
Wissensinhalten füllen zu können, benötigt man Fertigkeiten und Prozeduren,
die im prozeduralen Gedächtnis
gespeichert sind.
Die Inhalte des prozeduralen Gedächtnisses legen fest, wie
etwas gelernt werden kann, während im deklarativen Gedächtnis gespeichert
wird, was gelernt werden kann.
Wichtige
Strategien sind z.B. die Grundfertigkeiten (vgl. Abschnitt 4.2), die sowohl für
Feuerstein als auch für die MEMORY-Förderung eine zentrale Rolle spielen. Ist
man z.B. nicht in der Lage, von außen kommende Objekte oder Ereignisse mit
schon bekannten und im deklarativen Gedächtnis gespeicherten Objekten und
Ereignissen zu vergleichen, ist es nicht möglich, eine differenzierte kognitive
Struktur aufzubauen. Dinge werden nicht als schon bekannt erkannt und als eigene
Einheit abgespeichert (zu starke Differenzierung). Oder Unterschiede zwischen
neuen und schon bekannten Objekten werden nicht wahrgenommen. Auf diese Weise
werden Dinge in eine einzige Kategorie aufgenommen, die sich doch erheblich
unterscheiden (Übergeneralisierung). Je komplexer und differenzierter die
Anforderungen von außen werden, desto eher werden Personen mit einer defizitären
kognitiven Struktur scheitern.
Auf
den Grundfertigkeiten aufbauend, entwickeln sich komplexere Strategien. Zu
nennen sind hier z.B. das komplexe Problemlösen oder auch die emotionale
Regulation. Beim komplexen Problemlösen ist es z.B. wichtig, sich selbst
realistische Ziele zu setzen, die eigenen Fähigkeiten in die richtige Relation
zu den Anforderungen zu stellen und bei der Bearbeitung einer Aufgabe
systematisch und planvoll vorzugehen. Dazu gehört auch die ständige Kontrolle,
ob die bisher getanen Schritte in die richtige Richtung gegangen sind und ob die
weiteren geplanten Schritte wirklich zielführend sind.
Emotionen
spielen für Lernprozesse eine wichtige Rolle. Sie können effektiv bei der
Bearbeitung schwieriger Aufgaben eingesetzt werden. Gerade bei Menschen
mit Lernschwierigkeiten wirken sie sich aber häufig negativ auf den Lernprozess
aus. Versagensängste oder das Gefühl der Ohnmacht führen zu Lernblockaden,
die weitere Lernerfolge und effizientes Handeln nahezu unmöglich machen. Nur
durch Selbstreflexion und bewusste Bearbeitung dieser Emotionen (emotionale
Regulation) können Lernblockaden aufgehoben werden und Kapazitäten für den Lernprozess
freigesetzt werden. In
einer aktuellen Lernsituation werden Inhalte des deklarativen Gedächtnisses und
des prozeduralen Gedächtnisses im Arbeitsgedächtnis
miteinander verknüpft. Diese Verknüpfung geschieht in enger Anpassung an die
von außen kommenden Anforderungen. Aus dem deklarativen Gedächtnis werden
Inhalte (z.B. Fachwissen) abgerufen, die bei der Bewältigung der gestellten
Aufgabe helfen können. Aus dem prozeduralen Gedächtnis werden Strategien ins
Arbeitsgedächtnis geholt, die eine Aufgabenbearbeitung ermöglichen. Die
Prozeduren und Strategien müssen immer wieder überprüft und an die
Aufgabenstellung angepasst werden. Erweist sich eine anfänglich gut
funktionierende Strategie im weiteren Verlauf der Aufgabenbearbeitung als
dysfunktional, muss sie zugunsten einer besseren Strategie aufgegeben werden.
Diesen Schritt zu leisten fällt besonders Menschen mit Lernschwierigkeiten sehr
schwer. Sie kleben meist viel zu lange an einer Strategie und sind schon gar
nicht in der Lage, auf der Grundlage der vorhandenen Strategien neue zu
entwickeln (im Schaubild Pfeil „differenzieren, verbessern der
Strategien/Prozeduren“).
Grundvoraussetzung
für eine effiziente Aufgabenbearbeitung ist, dass mit der Aufgabe bestimmte
Motive und Zielsetzungen verbunden werden können. Das Erkennen der
Sinnhaftigkeit einer Aufgabe für die eigene Person bildet quasi den Schlüssel
zu einem gut ablaufenden Lern- und Bearbeitungsprozess. Gerade
bei neuen und komplexen Anforderungen ist ein flexibler Umgang mit den eigenen
Ressourcen unabdingbar. Daneben muss aber auch die Fähigkeit zur
Selbstreflexion gut ausgebildet sein. Nur durch ein immer wiederkehrendes
Hinterfragen des eigenen Vorgehens oder der derzeitigen emotionalen Lage können
Fehler beim Lernen und dysfunktionale Entwicklungen im Lernprozess selbständig
aufgedeckt und behoben werden.
Schwerpunkte
der MEMORY-Förderung liegen bei:
5. Komplexere Lernvorgänge
Komplexe Lernvorgänge sind gleichsam aus den Grundfertigkeiten als Bausteinen zusammengesetzt. Daher sind auch kompliziertere oder umfassendere Mechanismen bei der Verarbeitung vonnöten.